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scheren
II. Schêren, tr.; refl. und (s. 3) zuw. intr., schōr (vralt. schar, schur), schöre; geschoren; schierst, schiert; schier! vereinzelt mit schwacher Abwandl. (vgl. I; und Schm.), die nam. im Präs. um sich gegriffen, so daß Adelung sogar die freilich bei unsern besten Schriftst. übl. Formen schierst, schiert; schier! als „nur den gemeinen Sprecharten eigen“ bez. s. Schar, Anm. 1) scharf über eine Oberfläche hinwegfahren, mit einem schneidenden Jnstrument, bestehe dies nun aus 1 Blatt (Schermesser etc.) oder aus 2, mit den Schneiden gegen einander wirkenden (Schere etc.), z.B. eig. (vgl. 2):
a) Einem den Bart oder ihn sch., barbieren. Rabner 3, 41, Talvj. 2, 230 etc.; Schere vom Kinne das struppige Haar! WhMüller 1, 33.
b) Einem das Haar oder ihn sch., kurz, kahl, glatt sch.; ihm eine Platte, Glatze etc., ihn zu einem Mönch (Olearius Reis. 119a) sch.; Geschorene [geistl.] Fürsten, Ggstz. Geborene etc. Zinkgräf 2, 5; 72 etc., s. be-sch.; Daß man die Locken sich schert [trauernd]. V. Od. 4, 198 etc. Selten: Scherung [Tonsur]. Weidner 24. Vgl. Schürling (Luther 6, 324a), Schörling (115b) höhnende Bez. für Pfaffe (nach der Tonsur, vgl. c am Schluß).
c) Thiere sch., z. B.: Der die Pudel schert. Gutzkow R. 4, 120; Ein geschorener Hund. Kompert Pfl. 1, 65 etc. und nam.: Die Wolle (von den Häuptern der Lämmer. B. 209b; von den Schafen); die Schafe, die Herde sch. etc.; So scher ich meine Seite [des Schafs], | scher du die andre dann. Kopisch (Echtermeyer 69) etc., vgl.: Fellschürling (Adelung), Schierlingsfell (Frisch), kurzwolliges Fell von einem Schaf bald nach der Schur.
d) von Pflanzen, z. B.: Die Hecken, Bäume etc. (mit der Gartenschere) sch., glatt sch.; Lauben aus glattgeschornen Hainbuchen. Lewald W. 1, 370; Der sch–de Winzer. V. Ländl. 1, 9 etc., vgl. (s. b): Des kahlgeschornen [vom Winter entlaubten] Haines Wiederbehaarzeit. Rückert Mak. 1, 54. Ferner: Die geschorene [gemähte] Wiese. V. 1, 50 (s. schürig) und (s. e): Wo sich die kurzen Gräser zu einem kurzgeschorenen Teppiche in einander verfilzen. Kohl Südr. 2, 29 etc.
e) von fabricierten Ggstdn., z. B.: Nachdem die enthaarten Häute durch Beschneiden mit einem Messer gereinigt (geschoren) worden. Karmarsch 2, 563 etc.; Das Sch. [des Tuchs etc.] hat den Zweck, die durch das Rauhen bervorgezogenen Wollhärchen [s. Haar 6] zu gleicher Kürze abzuschneiden. 3, 653; Bärteln [s. d. 3], sch. und aus- oder schipp-sch. (s. Haarmann) etc. Mantelvonblankgeschorenem Kalmuk. Lewald Hel. 1, 15 etc.; ferner (s. Pohl): Geschorener Sammet (s. d.); Nichtgeschorene und hoch geschorene Teppiche auf Sammetart. G. 26, 307 etc. 2) An 1a—c schließen sich bildl. Anwend., z. B. (s. 1b): Alles über einen Kamm (s. d.) sch.; Dem Narren zu nahe (s. d. 3b) sch. etc.; ferner (s. 1a): Uns ist v. ihr .. wor[de]n | so bübsch gezwagen und geschorn. HSachs G. 2, 136, übel, hart mitgespielt, s.: Einem aus-sch., HSachs 1, 112d; trocken sch. (Uhland V. 465) oder balbieren (462, vgl. 464) und heutigem Gebrauch gemäßer (s. barbieren): Hr. S. hat uns .. eingeseift [s. d.], sein Bruder aber .. geschoren. L. 13, 213, geprellt, übers Ohr gehauen etc.; Daß er seine Gäste so tapfer geschoren. Weidner 271; Auf diese Weise sind Diejenigen, so bloß das Korn auf ihren eigenen Markt bringen, immer geschoren [im Verlust]. Möser Ph. 2, 136 etc.; ferner (s. 1c): Sein Schäflein (s. d.) sch., vgl.: Mancher geht nach Wolle u. kommt geschoren heim (FLSchröder Beitr. 3, 2, 53 etc.), s. rupfen 1; Ein Despot . . ist ein Hirt, der seine Schafe schiert und melkt. Heinse A. 1, 236; Thümmel 3, 80 etc. und geradezu: Er schiert (Tieck 10, 88), schor (W. 27, 157), schur (Günther 1022) die Bauern, vgl. sprchw.: Es giebt keine Scheere, die schärfer schiert, | als wenn der Bettler zum Herren wird etc. Gotthelf U. 2, 17; 356 etc. Und so allgem. = verieren, hudeln, placken (s. Schererei):
a) tr., mit persönl. Subj.: Zu quälen und zu sch. anstatt herzhaft und frank zu unterdrücken. Ense T. 6, 335. Göckingk 3, 18; Jetzt muß ich aber die Pfaffen sch., die Kerls kann ich nicht ausstehen. G. 23, 249; Doch wollen wir durch Musterung | nicht uns noch Andere sch. 2, 268; Wer nicht schiert, Der wird geschoren. Günther 940; Sich nicht zupfen, foppen, anzapfen, zerren, noch weniger sich sch., schabernacken, hohnecken, schurigeln lassen. V. 2, 208 etc. s. b.
b) mit sachl. Subj.: Hat mich das Ding nicht schon geschoren, Klinger LeidW. 20; Daß sie nicht lassen können, was mich schiert. FHJacobi 5, 160; So hat mich noch Nichts geschoren. W. 11, 29 etc. und dann: Das schiert euch jetzt noch wenig. Freiligrath Garb. 104 [kümmert, geht an]; Ca 53; SW. 4, 203; Uns schiert hinfort nicht Stand nicht Rang. Kinkel 187; Pervonte, den all Das wenig scherte [s. u.]. W. 12, 11 und fragend: Was schiert–’s mich. G. 7, 214; mich der Prinz. Ense T. 4, 77; deine Welt. Herwegh 8; die Literatur. Immermann M. 1, 84; Hain und Quell etc.? V. 3, 92; Was schert–’s mich. Kohl J. 1, 402; V. Ar. 1, 180; mich dein Edelstein. Heine Lied. 30; Weib und Kind 59; die Welt? Prutz W. 142 etc., s. c.
c) refl., s. b: Sich um (selten mit Blumauer Än. 1, 2) Etwas nicht oder: sich den Teufel (Henker etc.) um Etwas sch.; Was schere | ich mich um seine Dudelei? W. 12, 73 (nach Schm. s. I bescheren „nicht Theil daran nehmen“). In 3 Pers.: schiert. Freiligrath 2, 9; 302; Monatsbl. 1, 179a; Weise Abs. 296 etc.; Imperf.: schor. Immermann M. 4, 49; IP. 3, 135 etc., daneben: scherte. Auerbach D. 1, 59; Gutzkow R. 1, 191; Prutz W. 65 etc. und vereinzelt: Ich schier mich nichts um sie. Stilling 2, 43; Er schierte sich nicht im geringsten um etc. Volksz. 10, 5.
d) (zu a; b) im Partic., z. B.: Wie ich geschoren [geplagt] bin! Was für eine Last Arbeit mir auf dem Halse liegt! W. Luc. 6, 180; Das geschorenste Kreatur! Tieck 5, 490 etc.; verneint: Ungeschoren wegkommen. Ense T. 6, 147 und nam.: Einen ungeschoren [zufrieden, in Ruhe] lassen. G. 2, 247; 34, 315 etc. Dazu: Die Freiheit der Ruhe, d. h. der Ungeschorenheit. Demokr. St. 195 etc. 3) zumeist refl. = sich packen, trollen, fortmachen (vgl. geheien, doch auch scheuern, Anm.): Sich seiner Wege; zum Teufel, Satan, zu allen Teufeln; ins Nest (Spindler V. 1, 173); schlafen (Werner F. 133) etc., heim- (Sealsf. Leg. 2, 188), fort- (Cham. 3, 208; IP. 3, 51), hinaus- (G. 35, 7), herein- (Immermann M. 2, 255) sch. etc.; nam. im Imper., z. B.: schier! Cham. 3, 208; Engel 6, 237; Tieck 5, 212 etc.; scher! Werner F. 133 etc.; s. 3 Präs.: schert. Gutzk. R. 4, 208; Impf.: schor. Reithard 359 etc. Nam. niederd. intr., s. Brem. W. 4, 642 ff. u. z. B.: Der scher ans Paternoster hin! B. 70a; Scherehinweg mir! V. Th. 20, 2 etc. 4) (niederd.): Fäden, Seile etc., der Länge nach ausspannen. Brem. W., dazu auch hochd.:
a) Web.: Die Verfertigung der Kette [s. d. 9], das s. g. Schweifen oder Ketten-Sch. Der Zweck dieser Operation besteht darin, die zur Kette erforderl. Anzahl Fäden in der nöthigen und gleichen Länge abzumessen und parallel neben einander zu legen. Karmarsch 3, 595; G. 19, 134 etc., so auch: an-, auf-sch. u. Scherung = Kette (s. Anscher), auch: schieren. Möser Ph. 1, 116; Zu Schierung und Einschlag. 130.
b) Seil. (s. a): Ein Tau an-sch. = das Garn aufschweifen, dies in parallelen, hin- und zurücklaufenden gleichlangen Gängen ausspannen, s. Karmarsch 3, 274; Bobrik 55.
c) Schiff.: Ein Tau in den Block sch. (ein-sch.), durch den Block sch. (durch-sch.), ziehn, Ggstz.: aus-sch., es herausziehn. 73; 253; 679 etc.; Das laufende Tauwerk auf-sch., das gebrauchte wieder aufwickelnd u. befestigend in Ordnung bringen. 66. 5) Schiffb.: Ein Schiff oder die Planken sch., durch Befestigung der Senten an die Spanten den Strok (s. d.) der Planken ordnen. 6) mundartl. Bedd., s. Brem. W.; Frisch; Schm. etc.; Einen aus-sch., aussondern. Luther 2, 113b. 7) Scherung, s. 1b; 4a etc. 8) Scherer etc., s. u.
Zsstzg., s. 3, ferner z. B. Áb-:
1) [1] Den Bart, das Haar, die Wolle a. etc.; übrtr.: Während der Gutsbesitzer alljährlich den Bauer abschor. Freytag B. 2, 216 etc.
2) = abschauern, s. Schar, Anm.: ähnl.: durch-sch. etc. An-: z. B.:
1) [4a; b].
2) zu scheren beginnen, z. B. [1a]. V. H. 2, 245. Āūf- [4a; b; c]. Aūs-:
1) [4c].
2) zu Ende scheren, z. B. [1e] etc.
3) [2a].
4) [6]. Be- (vrsch. I): Einem das Haupt, das Haar, den Bart etc.; Einen od. sich; vralt.: ihn von der Zierde des Haars (Stumpf 214a); die Schafe; eine Stelle des Leibes b. etc.; Der beschornen Despoten Joch. Kl. Od. 2, 135; Luther 1, 396a; SW. 60, 202 etc. (s. Tonsur). Auch [1d]: Buxus in beschornen Reihn. Kretschmann 2, 198; Neu- (W. 15, 130), un- (Matthisson Gd. 106) beschorne Hecken. Dúrch-:
1) [4c].
2) s. ab-sch. 2. Eīn- [4c]. Ent-: scherend entnehmen, z. B. [1a]: Ein Flöckchen Bart entscher ihm! Rückert BE. 16 etc.; [1d]. Der Reb’ entschorenes Weinlaub. V. Th. 7, 134; Ländl. 2, 487 etc. Fórt-, hinwég- (Ryff Th. 45): weg-sch. Schípp- [1e]. Um-: ringsum be-sch. Böttiger Sab. 250 etc.: v. Pflanzen [1d]. Ramler 38; V. Ländl. 1, 139. Wég-:
1) Die Haare (Platen 4, 266), Wolle (Wackern. 2, 522¹⁵) w. etc.
2) [3]. Ver-:
1) scherend kürzen: Die Haare unverschoren. Auerbach Ab. 197.
2) scherend verderben: Tuch v. etc.: Verschoren [lächerlich] aussehn. Adelung. Zū-: z. B. scherend zubereiten etc. Platen 4, 179.