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Reis
II. Rēīs, n., –es; –er, (–e); –chen, lein, Mz.:
R–erchen (z. B. Lenz Nat. 3, 73), lein; -: ein junger Schößling an Baum u. Strauch (vgl.: Schoß, Schößling, Zweig, Ast, Gerte, Ruthe etc.), so nam.:
1) in lebendigem Wachsthum, z. B.: R–er wachsen hervor in seinem Garten. Hiob 8, 16; Er schießt auf vor ihm wie ein R. und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Jes. 53, 2; 27, 10 etc.; Zu schaun mein Myrthen-R. | das ich zum Kränzchen pflanzen thät. . . Da schien | verwandelt mein geliebtes R. | in dunklen Rosmarin. B. 16a; Die Nachtigall | singt überall | auf grünen R–en | die besten Weisen. Hölty 184; R–er, die .. dir werden Früchte tragen. Rückert 1, 351; Augen treibt das junge R. Sch. 54a etc.
a) solcher Schößling, Zweig zum Einsenken, Einsetzen, Einpflanzen und: der eingesenkte (Senk-, Setz-R.): s. o. B.; Herrliche Gaben bescherend . ., Minerva des Ölbaums grünende R–er. Sch. 75b; Den Enkel schattet das gepflanzte R. Schlegel Gd. 1, 51 (s. c) etc.
b) Zweig zum Jmpfen, Pfropfen, s. Impf-, Pfropf-, Edel-R. und d.
c) (s. a) zuw. auch der fortentwickelte Schößling, als selbständige Pflanze, Baum, z. B.: O Tannenbaum, du edles R. Uhland 202; V. 385, s. 3a, ferner, Antritt-, Hege-, Lapp-, Laß-R., und mundartl.: Eich-R. oder R. = Eichbaum. Schm. 3, 129 und z. B.: Nab-R., für Wagner; Schaufel-R., zu Schaufelrädern für Müller; Schnitt-R., für Schreiner dienend. ebd.
d) übrtr., s. Ast 2, Schößling und nam. Baum 3, z. B.: Hier hat der Ernst des Lebens ihn erfasst | und seiner Kindheit üpp’ges R. entlaubt. Cham. 4, 115; Hebt sie [die Selbstmördrin] vom Uferkies, | aufhebt sie leis! | O welch ein zart und süß, | abgeknickt R. Freiligrath Pol. 1, 30; Mir steigt aus der Eltern Blut ein R. der Errettung, das zum schattenreichen Baum Knospen und Wuchs hat. G. 34, 182; Zu sehn ihr R. der Hoffnung grün. Rückert Rost. 69b; Er blühte wie ein R. von Schönheit und von Lust. 68a etc., ferner (s. a): Er nahm den Wipfel von der Ceder und brach das oberste R. ab und führte es in das Krämerland und setzte es in die Kaufmannsstadt etc. Hes. 17, 4 etc., s. 22; ferner (s. b): Wieland pfropfte ein neues R. auf den alternden Stamm der Bodmer’schen christenthümelnden Poesie. Danzel 406; Auf den [Stamm des jüdischen Volks] pflanzte der ewige Gärtner das edle R. Jesum Christum, daß es, darauf bekleibend, des Stammes Natur veredelte und von dannen Pfropf-R–er zur Befruchtung aller übrigen Bäume geholt würden. G. 14, 265; [Deine Mutter] impfte auf den edlen Stamm das R. | von einem Wildling, dessen Frucht du bist | und nimmer von der Nevil’s edlem Stamm. Schlegel Sh. 8, 102 etc.
2) abgeschnitten oder abgebrochen, zu versch. Benutzung, wobei für eine zusammengehörige Menge kollektiv die Ez. (statt der Mz.) stehn kann, so nam:
a) R. od. R–er zum Besenbinden (Besen- R.), z. B.: Viel R–er machen einen Besen (s. d. 2) Sprchw. = viel Pfennige machen einen Thaler etc.; Das benöthigte „Reiß“ den Besenbindern zu überlassen. Döbel 3, 56a etc.
b) R. oder R–er zur Feuerung (s. Reisig), z. B.: Einen Haufen R–er. Ap. 28, 3; Gebet As. 46; Wie knistern die brennenden R–er. Lichtwer 265; Zufrieden .., wenn auf dem kleinen Herd | ein wenig dürres R. zur Mittagsuppe brennt. W. 12, 6; R–er herbeizutragen, um das Feuer zu unterhalten. 29, 183 etc. und so, wo kostbarer Zimmt statt des Holzes gebraucht wurde (von Fugger): Die zimmtenen R–er. Beck Arm. 248 etc.
c) ferner z. B.: Jedes Heer . ., | geschmückt mit grünen R–ern, | zog heim. B. 13a; Sich hinter einen Strauch verbergen oder, wenn er nicht dick genug, muß man einen Lausch von grünem R–e machen. Döbel 2, 188a (vgl.: Sitz ich hinter einem Schirm von Tannen-R–en. G. Stein 1, 59); Wünschelruthen [s. d.] sind hier. .. In der fühlenden Hand regt sich das magische R. G. 1, 297, vgl. 18, 322; In harzig R. sich eingeschnürt [beim Mummenschanz]. 12, 55; Grimbart brach ein R–chen am Wege ..: Schlagt euch | dreimal über den Rücken mit diesem R–chen .. | dann mit Sanftmuth küsset das R. . . | Solche Buße leg’ ich euch auf. 5, 161, vgl.: Soll er nicht deuten, daß es sei die rechte Staupe, so er verdienet, sondern ein Fuchsschwänzlein, damit er säuberlich und gnädiglich vermahnet ist zur Buße und soll also sagen: Lieber Gott, weil ichs wohl ärger verdienet und du doch mit solchem kleinen gnädigen „R–lin“ mich hast gestäupt etc. Luther 8, 251b.
3) Sprichw.:
a) Besser in R–ern, dann in Eisern. Schottel 1113b etc., besser im freien Wald (s. 1c) als in Banden.
b) Sich aus den R–ern [= aus dem Staub] machen, z. B. vHorn rhD. 2, 60 etc., zunächst wohl von Solchen, die R. zu Besen etc. stehlen (s. 2a) oder auch von Obstdieben (s. 1 u. vgl. Ast 1).
Anm. Ahd. hrîs, mhd. ris, s. reisen Anm. Mz. R–e, s. 1: Hölty und 2c: G. Stein.
Zsstzg. z. B.: nach den vrsch. Bäumen und Sträuchen etc., leicht zu mehren nach den folg., s. die der svwdtn. Wörter, auch Reisig: Áb- [1a; b]: Das A. oder der Schößling. CHeß Pflanzenk. 1, 181. Ántritt- [1c]: Krakel (s. d.), Fuß-, Hock-, Tritt-R. Bêsen- [2a]: Döbel 3, 56b.
Bírken-: nam. oft = Ruthe für Kinder, z. B. Platen 4110 und bes. in Mz.: Alexis H. 1, 1, 195; G. 14, 13 etc. Blǖthen- [1]: z. B.: Kirsch-B–er. Salis 30.
Dórnen-: z.B. übrtr.: Unmuths dürftig D. Grün Gd. 210. Edel- [1b]: zur Veredlung eines Wildlings. Landwirthsch. Zeit. (55) 86b und übrtr. Jahn V. 25.
Eīchen-: Lasen E–er auf [2b]. Hölty 2b etc., ferner [1c]. Frǖhlings- [1]: Dem Winter .., | von jugendlichem F. umgeben. Cham. 4, 121.
Fūß-: Antritts-R. Ge- [2]: (kollektiv) Reisig. Schm.
Hêge-: Laß-R.
Hóck-: Antritt-R.
Impf-: [1b] und z. B. [1d]: Dem Drama ohne das I. der alten Kunst eine genießbare Frucht abzugewinnen. Gervinus Sh. 1, 101. Lápp- [1c]: Stangen zum Aufstellen der Federlappen beim Jagen (Stellstange). Láß- [1c]: junger Stamm, der beim Abholzen eines Gehaues zur Fortpflanzung stehn bleibt (Hege-, Samen- R., Bannreitel), wenn der Hieb wieder dahinkommt Vorständ(n)er, beim dritten Hau angehnde Bäume, beim vierten Haupt- oder Oberbäume genannt. Lêbens- [1d]: Meine schönsten L–er | sind von mir hinweggedorrt. Tiedge 2, 85.
Lórbeer-: Dir schlingen L–er | sich um die Schläfen. Reithard 96.
Māīen-: s. Mai 2c: Schlank wie ein M. Uhland 375.
Myrten-: nam. in Bezug aufHochzeit: B. 16a; Günther 540 etc. Nāb(en)- [1c]. Nāgel- [1b]: Pfropf-R., 4—5“ über einem Auge geschnitten und einen fingernagelähnlichen Schnabel bildend. Nêben- [1a]: Die N–er abputzen. Döbel 3, 183a etc.
Pálmen-: [Mitleid, du] kühlst mit deinem P. Salis 14, s. Palme 2a; b.
Pfrópf-: Jmpf-R., z. B. eig. [1b]. G. 15, 3; 137 etc.; übrtr., s. [1d] 14, 265; Nebenzweige, die später zu P–ern der neuen Kunstbildung wurden. Danzel 118; Schlegel Sh. 7, 81 etc.
Sāmen-: Laß-R. Schāūfel- [1c].
Schlēīf-: Reiser, die hinten an den berg- abfahrenden Karren gehängt werden, um ihn, mit den Büschel am Boden schleifend, zu hemmen (vgl. Hemmschuh). Schnítt- [1c].
Schóß-: Schößling. Sénk-, Sétz- [1a].
Sīēges-: s. Lorbeer-, Palm-R.: Ich kämpfe morgen einen guten Kampf, | ich pflücke morgen mir mein S. Immermann Alexis 3, 3.
Tánnen-: Grün Gd. 93; Immermann M. 3, 304 etc.
Trítt-: Antritt-R. Tūgend- [1d]: z. B. als Bez. tugendhafter Sprößlinge, frommer Kinder. Mühlpforth 2, 36.
Wásser-: s. Wasser-Ast: Die Mund- arten sind nicht aus der Schriftsprache durch .. Verderbnis wie W–er und Auswüchse entstanden. KGroth Plattd. 40; Mundarten . ., nicht als lebendige Wurzeln einer gesunden Volksanschauung, sondern als W–er einer halb assimilierten Bildung. 41 etc. (vrsch. m., s. Reis I1).
Wíld-: im Ggstz. zum Edel-R. (vrsch. m., s. Reis I1).
Wúrzel-: von der Wurzel ausschlagend etc.