Faksimile 0731 | Seite 723
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hegen
Hêgen, tr.:
1) eigentl. mit einem Hag, als schützender Umzäunung einschließen, allgm.: Etwas der unbeschränkten Benutzung und Ausbeutung durch ein schützendes Verbot entziehn; für dessen Nichtbeschädigung und Nichtvermindrung, für das unverletzte Fortbestehn schützende Sorge tragen; es hüten, es aufbewahren etc.; Wiesen h., einfriedigen, oder: sie nicht mit Vieh betreiben lassen (s. Hegewisch); ebenso: Den jungen Anflug im Forst h., kein Holz darin fällen lassen; Wild h., es nicht schießen lassen. Ramler F. 3, 11; Einen Esch, eine Flur, ein Holz, ein Fischwasser h., durch Bewachung, Sicherstellung vor Schaden zu gehörigem Ertrag zu bringen suchen; Früchte h., aufbewahren; So viel Nützliches und Angenehmes gepflanzt und gehegt. G. 30, 4; Diese [Baum-]Anlage schirmen, durch eifriges Nachpflanzen und sorgfältiges H. ihr nach und nach in die Höhe helfen. 26, 223; Sonst hegt er dieses Wild für sich. Ramler F. 3, 11; Keine späten Trauben an ihrem Weinstock geheget. Ds.; Bespreng’ es mit sparsamem Salz und heg’ es dem Winter. V. Ge. 3, 403 etc. Oft verstärkt: Diesen gehegten und gepflegten Schatz. G. 18, 174; Scham und Scheu .. h. und pflegen. 23, 117 etc., für das unverletzte Fortbestehn und Gedeihn schützende Sorge tragen.
2) (s. 1) meist niederd.: Etwas aufbewahrend zu Rathe halten, sparen: Heg-was hat ’was (Sprchw.) = Spar-bei-Zeit hat’s in der Noth: Sobald ein tausend Mark zusammen ist geheget. Rachel 4, 113 etc.
3) (s. 1) Einen (sich) h., ihm Sorgfalt widmen, für sein Gedeihn Sorge tragen: Das Pfäfflein, das wußte sich besser zu h. B. 66a; Ihr hegt euch an verderbtem Herzen. G. 12, 15; Dem Fuchs, | der noch so zahm, gehegt und eingesperrt, | nicht ablässt von den Tücken. Schlegel Sh. 6, 160; Wie hab’ ich stets dich heilig gehegt! Chamisso 3, 227, und namentl. oft bei diesem Schriftsteller: Noch lieb zu h. das verfehmte Haupt. 4, 135; Ein liebgehegter Gast. 3, 324; Der liebgehegte Schmerz. 2, 40; 3, 234 etc. Auch hier (s. 1): Einen armen, alten, schwachen Ehekrüppel muß ich schon mehrere Jahre nur so h. und pflegen. G. 6, 348; Mich hat’s [das Glück] von Jugend auf gehegt, gepflegt. 13, 314 etc., u. mit Angabe der Wirkung: Doch hegt’ und pflegt’ ich dich gewiß zu Tod. Schlegel Sh. 1, 58.
4) (s. 1) Das Gericht h., Gericht halten, mit Bezug auf die es umgebenden Schranken und den es schützenden Bann (s. Haltaus; Schm. etc.). Immermann M. 4, 113; Nie ward mit Schild und Speer ein recht Gericht gehegt. Lichtwer 242 etc., vgl.: Kein Reigen wird geführet, | kein Tanz nicht mehr gehegt. Opitz 2, 60.
5) (s. 1) in sich schließen, bewahren, wobei die örtliche Bedeutung bald mehr, bald minder zurücktritt gegen die: haben und bewahren, unterhalten, z. B.:
a) mit konkretem Obj.: Siehst du eine Hütte im Felde frei, | weißt nicht, ob sie dir ein Liebchen hegt. G. 4, 41; Sie hegten einander im Herzen. 1, 177; Von allem, was die Insel heget, | ist dieser Ring mein höchstes Gut. Sch. 57b; Wilde Dinge hegt die eisenharte Brust. FSchlegel Al. 36; Wer einen Jugendfunken | noch hegt in seiner Brust. Uhland 465; Dieweil das hurtige Schiff noch Speis’ und Getränk’ uns hegt. V. Od. 12, 321; Liebliche Hügel h. [umschließen] das angenehmste Thal. W. 15, 257 etc.
b) mit abstrakt. Obj.: Liebe, Haß, Groll, Furcht, Ehrfurcht, Hoffnung, Vertrauen, Vorurtheile, einen Zweifel, einen Verdacht, Gedanken, einen Wahn, den Glauben, die Überzeugung, eine hohe Meinung von sich h.; Was bringt den tiefgehegten Groll zum Schweigen? Chamiso 4, 132 etc. Auch hier (s. 1) die Verbindung: Bei seinen großen Verdiensten hegte und pflegte das achtzehnte Jahrhundert manche Mängel. G. 39, 127, hatte und nährte sie etc.
6) (s. 5 und 3) Diebe bei sich h., verbergen und unterstützen; Warum hegst und nährst du seine Bosheit? leistest ihr Vorschub etc.
7) dazu: Er schirmt mit List und Muth verrufnes Wildes Hegung [1]. V. 4, 143; Jag’ ich doch der Hegung [des Geheges] edelsten [Hirsch]. Sh. 2, 274 etc., und Heger (s. d.).
Anm. Ahd. hegjan, mhd. hegen, von Hag, s. d. und Hagen, auch Gehege, vgl. mhd. und oberd. heien, haien, z. B.: Das Fleisch also „hayen“ und zärtlin [den Leib also hegen und zart behandeln]. SFrank Last. 3a, nam. bei Schm.
Zsstzg. z. B.: Áb- [1]: durch ein Gehege absondern: Wer sich abgehegt hat, giebt deutlich zu erkennen, daß er über sein Gehege hinaus weiter keine Ansprüche habe. Hippel Ehe 172; In dem Zeitraum, den Sie sich abgehegt. V. Ant. 2, 231 etc. Āūf- [1 u. 2]:
1) Einem Etwas a., aufbewahren.
2) im Gehege auf- oder groß ziehn, z. B. von Rehen: Ganz jung nur sind sie aufzuhegen. Laube Brev. 116. Āūs-: vollständig zu Ende hegen: Er hat sein Traumbild ausgehegt. Schwab 470. Be-:
1) hegend beschützen: Der Busch, der auch das Wild behegt, | .. war uns Herberge. Uhland Ernst 104.
2) [4] Das Gericht b. Eīn- [1]: einschließen in einen Hag oder etwas Hagähnliches, s. um-h.: Wiesen e.; Das umfriedete und eingehegte Kleinleben. Auerbach Tag. 35; Klüger wär’s, ihr hättet allhier sie eingehegt [die Katze eingesperrt]. Reithard 88; Das Gebrüll der eingehegeten Rinder. V. Od. 12, 265; Eingeheget die Insel im endlos wogenden Weltmeer. 10, 195; Die Fische durch das zusammenschließende Blei eingehegt [im Wurfnetz]. Ge. 20. Ent-: das Gehegte oder zu Hegende zerstören, die hegende Umschließung entfernen etc.: Indessen ihr geschwelgt auf meinen Gütern, | mir die Geheg’ enthegt, gefällt die Forste. Schlegel Rich. II. 3, 2. Fórt-: fortfahren zu hegen, für den Fortbestand Sorge tragen: Als die christliche Religion eine von den Heiden ererbte Leidenschaft, sich an Bildern zu erfreuen und zu erbauen, unablässig forthegte. G. 31, 288; 27, 472 etc. Um- [1]: umschließen mit einem Hag oder etwas Hagähnlichem, s. ein-h.: Von einem lebendigen Zaune umhegt. Auerbach Leb. 1, 206; Fühlt unmuthig das gefangene Edelthier von den Schranken sich umhegt. Görres (FSchlegel DM. 4, 299); [Die Liebe], die als blauer Odem das Rund der Welt umhegt. Grün Ritt. 201; Zwei starke Furchen umhegten das Gebiet der Lippen. König Kl. 1, 383; [Berge], die duftig meiner Liebe Thal u. Mörike N. 602; Das Gärtchen .., | das all mein Glück und alle meine Sorgen | .. im engen Raum umhegt. ESchulze Ros. 11; Der Rose Kelch .., | dicht umhegt von grünen Blättersäumen. 126; Umhegter Schafe Schellen. V. 4, 159; Umhegte sein Gärtchen mit einem Erdwall. Ge. 255; Wohl umhegt ist der Vorhof. Od. 17, 266; Umhegt zu sein von der Mauer. Il. 18, 287; Wenn auch die Natur mit schöner Wand | oftmals umhegt Verderbnis. Sh. 2, 277; Oft haben wir schon unsern alten Hensler umhegt [schützend bewacht], wie Gottes Cherub das Paradies. Br. 2, 342 etc. Die Umhegung des Heiligthums bildete eine Wand. Stahr Rel. 35; Diese Bergumhegung. Schwab 2, 152 etc. Ver-: mit einem Hag etc. verschließen, s. Ein- und um-h.: Hier lag er oft im Halt | mit Rosen wohl verhegt [Amor in den Wangengrübchen]. Logau 1257 etc., mund- artl. auch verwahren. Schütze. Zusámmen- [2].