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        <title>Artikel „Vernunft“</title>
        <author ref="https://viaf.org/viaf/61594915/">
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            <surname>Sanders</surname>
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        </author>
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            <surname>Göttel</surname>
            <forename>Sebastian</forename>
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        </editor>
        <editor>
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            <surname>Wiegand</surname>
            <forename>Frank</forename>
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          <email>edition-sanders@bbaw.de</email>
          <orgName role="projekt">Forschung Daniel Sanders</orgName>
          <orgName role="hostingInstitution" xml:lang="en">Berlin-Brandenburg Academy of Sciences and Humanities (BBAW)</orgName>
          <orgName role="hostingInstitution" xml:lang="de">Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW)</orgName>
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             <addrLine>Jägerstr. 22/23, 10117 Berlin</addrLine>
             <country>Germany</country>
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        <pubPlace>Berlin</pubPlace>
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            <p>Distributed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC BY 4.0)</p>
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        <bibl>Daniel Sanders: „Vernunft“. In: Deutsches Wörterbuch. Leipzig, 1860–1865.</bibl>
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        <form type="lemma">
          <orth expand="Vernunft" orig="Vernúnft">Vernúnft</orth>
          <pc>,</pc>
          <gramGrp><pos norm="noun">f.;</pos><gen norm="feminine"/> 0[Anm.]; -:</gramGrp>
        </form>
        <sense n="1)">1) das Denkvermögen des Geiſtes u. (ſ. 2) das dieſem Gemäße, Entſprechende, — in ſchärferer Auffaſſung geſchieden von dem Verſtand (ſ. auch Urtheilskraft), ſ. nam.: <sense n="a)">a) Das Vermögen, das Mögliche deutlich vorzuſtellen iſt der Verſtand. .. Das Vermögen, den Zuſammenhang der Wahrheiten einzuſehen heißet V. <bibl><author>ChrWolff</author></bibl> <bibl><author>(Wackern.</author> <biblScope>3, 1, 1035</biblScope> <title>Z.</title></bibl> <bibl><biblScope>2</biblScope> <title>u. 31);</title></bibl> <bibl><author>Kant</author>  <title>SW.</title></bibl> <bibl><biblScope>1, 72;</biblScope></bibl> Verſtand iſt Denken des Allgemeinen und des Beſonderen in ihrer Trennung und Beziehung und Dieſes iſt nicht möglich ohne Nennen des Einen und des Andern, ohne den ganzen Namenvorrath der Sprache. Der Verſtand weiß, das ſo Getrennte bloß zu beziehen und nicht, das Unterſchiedne in der innern und höchſten Einheit zu faſſen. Dies thut die V.; V. iſt aber nicht ohne Verſtand möglich, denn nur im Unterſchiedenen iſt die Einheit herzuſtellen. <bibl><author>Viſcher</author>  <title>Äſth.</title></bibl> <bibl><biblScope>2, 110;</biblScope> <title>V. iſt das Vermögen, ſich der Gründe für die Erſcheinungen bewuſſt werden; über die Urſachen aller Dinge nachdenken und die nicht gegebenen Urſachen aus den gegebenen Erſcheinungen ableiten zu können. Den verſchiedenen Grad der Schärfe, womit Das geſchieht, nennen wir</title></bibl> Verſtand. <bibl><author>Burmeiſter</author>  <title>gB.</title></bibl> <bibl><biblScope>1, 277 ꝛc.,</biblScope> <title>ſ. nam. noch</title></bibl> <bibl><author>Hölderlin</author>  <title>H.</title></bibl> <bibl><biblScope>1, 147 ff.</biblScope></bibl> —</sense><sense n="b)">b) wir fügen zunächſt Stellen bei, in denen beide Wörter unterſch. neben einander kommen: Ich habe nicht ſo viel Verſtand [Scharfſinn] als mein Herr; aber mehr geſunde V. [Urtheil über Das, was recht iſt ꝛc.]. <bibl><author>Cronegk</author> <biblScope>1, 93;</biblScope> <title>Begriff iſt</title></bibl> Summe, Jdee Reſultat der Erfahrung; jene zu ziehn wird Verſtand, dieſes zu erfaſſen V. erfordert. <bibl><author>G.</author> <biblScope>3, 324;</biblScope> <title>Ein dramatiſches Werk zu verfaſſen, dazu gehört Genie. Am Ende ſoll die Empfindung, in der Mitte die V., am Anfang der Verſtand vorwalten.</title></bibl> <bibl><biblScope>247; 5, 7;</biblScope> <title>Seelenleiden zu heilen vermag der Verſtand Nichts, die V. Wenig, die Zeit Viel.</title></bibl> <bibl><biblScope>18, 343; 172; 25, 79;</biblScope> <title>Als man die teleologiſche Erklärungsart verbannte, nahm man der Natur den Verſtand; man hatte den Muth nicht, ihr V. zuzuſchreiben und ſie blieb zuletzt geiſtlos liegen.</title></bibl> <bibl><biblScope>39, 187;</biblScope> <title>Was erſt, nachdem Jahrtauſende verfloſſen | die alternde V. erfand, | lag im Symbol des Schönen und des Großen | woraus geoffenbart dem kindiſchen Verſtand.</title></bibl> <bibl><author>Sch.</author> <biblScope>22b;</biblScope> <title>Vielmehr ſind es gerade ſolche Fälle, wo unſer Verſtand nicht auf Seite der handelnden Perſon iſt, aus welchen man erkennt, wie ſehr wir</title></bibl> Pflichtmäßigkeit über Zweckmäßigkeit, Einſtimmung mit der V. [mit dem Urtheil darüber, was unſerm innern Weſen nach recht iſt] über die Einſtimmung mit dem Verſtand [mit dem Urtheil darüber, was der Erfahrung gemäß klug iſt] erheben. <bibl><biblScope>1137a;</biblScope> <title>Ein Gegenſtand, der durch die Größe einer</title></bibl> Jdee jede Größe der Erfahrung vernichtet und der, was er auch in der Beurtheilung des Verſtandes verlieren mag, in der Be- urtheilung der V. wieder in reichſtem Maße gewinnt. <bibl><biblScope>1191b;</biblScope></bibl> <bibl><author>Xen.</author> <biblScope>59 ꝛc.</biblScope></bibl> —</sense><sense n="c)">c) in andern Stellen, wo nicht beide Wörter neben einanderſtehn, grenzt V. oft nahe an Verſtand, wie ſie denn ſelbſt zuw. (ſ. <bibl><author>Sch.)</author>  <title>Thieren zugeſchrieben wird, während andrerſeits ihr in der Offenbarung (ſ. d.) etwas Ubermenſchliches entgegengeſtellt wird, das der Menſch aus ſich ſelbſt zu entwickeln nicht im Stande wäre (ſ.</title></bibl> <bibl><author>Gervinus),</author></bibl> — zuw. auch perſonif. <bibl><author>(Immermann;</author></bibl> <bibl><author>Mendelsſohn):</author>  <title>Ein Weib guter V.</title></bibl> <bibl><biblScope>1.</biblScope></bibl> <bibl><author>Sam.</author> <biblScope>25, 3;</biblScope> <title>Ein Kluger thut Alles mit V.</title></bibl> <bibl><author>Spr.</author> <biblScope>13, 16; 19, 2; 20, 18;</biblScope> <title>Ich kam wider zur V.</title></bibl> <bibl><author>Dan.</author> <biblScope>4, 31 ꝛc.;</biblScope> <title>Meine träumende Phantaſie hat meine wachende V. beſchämt.</title></bibl> <bibl><author>Engel</author> <biblScope>1, 354;</biblScope> <title>Aus dieſem die V. verdunkelnden Nebel.</title></bibl> <bibl><author>Forſter</author>  <title>Br.</title></bibl> <bibl><biblScope>1, 32;</biblScope> <title>In einer gewiſſen Klemme zwiſchen V. und</title></bibl> Offenbarung. <bibl><author>Gervinus</author>  <title>Lit.</title></bibl> <bibl><biblScope>5, 318;</biblScope> <title>Wenn die V. nach dem gemeinen deutſchen Ausdruck manchmal ſtill ſtehen kann.</title></bibl> <bibl><author>G.</author> <biblScope>19, 358;</biblScope> <title>Theoretiſch und praktiſch iſt V. Nichts als etwas Vernommenes, eine gelernte Proportion und Richtung der Jdeen und Kräfte, zu welcher der Menſch nach ſeiner Organiſation und Lebensweiſe gebildet worden.</title></bibl> <bibl><author>H.</author>  <title>Ph.</title></bibl> <bibl><biblScope>3, 202;</biblScope> <title>Bei ganzen Völkern liegt die V. unter der Thierheit gefangen.</title></bibl> <bibl><biblScope>270;</biblScope> <title>V., Tochter Gottes, Schirmherrin der Männer, Athem der Seele!</title></bibl> <bibl><author>Immermann</author>  <title>M.</title></bibl> <bibl><biblScope>2, 348;</biblScope> <title>Durch dieſe Einſicht Meiſter von deinen Empfindungen zu werden und ſie an den Wagen der V. zu feſſeln.</title></bibl> <bibl><author>Mendelsſohn</author>  <title>Ph.</title></bibl> <bibl><biblScope>1, 3;</biblScope> <title>„Ihr ſeid nicht klug. Ein unvernünft’ges Vieh“</title></bibl> — Iſt bald geſagt. Das Thier hat auch V., <bibl><biblScope>|</biblScope> <title>Das wiſſen wir, die wir die Gemſen jagen. | Die ſtellen klug, wo ſie zur Weide gehn | ’ne Vorhut aus ꝛc.</title></bibl> <bibl><author>Sch.</author> <biblScope>517a;</biblScope> <title>Der Krieg zwiſchen V. und Witz und ihren ewigen Feinden</title></bibl> Unverſtand und Dummheit. <bibl><author>W.</author> <biblScope>7, 182;</biblScope> <title>Die Schwärmerei, wenn ſie von der geſunden V. in die Enge getrieben wird.</title></bibl> <bibl><biblScope>2, 49 ꝛc.</biblScope></bibl> —</sense></sense>
        <sense n="2)">2) zuw. auch: das für einen beſt. Fall, für beſt. Verhältn. als vernünftig Erſcheinende: V. [vernünftigen Rath ꝛc.] annehmen (ſ. d. 2a); Hören Sie V. an, wenn Sie können! <bibl><author>W.</author> <biblScope>14, 186;</biblScope> <title>Es geſchah dem portugieſiſchen Juden Recht, der den Spötter vor Ferney V. hören machen wollte.</title></bibl> <bibl><author>G.</author> <biblScope>14, 249;</biblScope> <title>Wie die Weiber, die beſtändig | zurück nur kommen auf ihr erſtes Wort, | wenn man V. geſprochen ſtundenlang.</title></bibl> <bibl><author>Sch.</author> <biblScope>369b,</biblScope> <title>vgl.: Über die Zeitgeſchichte der Zeitgenoſſen zur V. zu reden.</title></bibl> <bibl><author>Niebuhr</author>  <title>Nachg.</title></bibl> <bibl><biblScope>1, 329.</biblScope></bibl></sense>
        <note type="remark">
          <note type="label">Anm.</note>
          <p type="note">Ahd. <bibl><biblScope>firnum(i)ft, firnunft, firnum(i)st, firnunst,</biblScope> <title>mhd.</title></bibl> <bibl><biblScope>vernunft, vernunst ꝛc.</biblScope> <title>von vernehmen (ſ. d. und die etymol. Verſe.</title></bibl> <bibl><author>Rückert</author>  <title>W.</title></bibl> <bibl><biblScope>2, 51),</biblScope> <title>vgl. andre vralt. Zſſtzg. von</title></bibl> Nunft. <bibl><author>Schm.</author> <biblScope>2, 695</biblScope> <title>und</title></bibl> <bibl><author>Haltaus</author> <biblScope>132 ꝛc.</biblScope> <title>Mz. ugw., doch z. B.: Den lebenden V–en und Verſtanden | und Sinnen.</title></bibl> <bibl><author>Baggeſen</author> <biblScope>4, 39;</biblScope> <title>Der Verſtand’ und der</title></bibl> Vernünfte Jammer <bibl><biblScope>3, 207</biblScope> <title>und ſchon: Hans Sachs</title></bibl> <bibl><biblScope>..</biblScope> <title>reimet von den Regierern alſo: ... Männer von Zünften | regieren mit ſchlechten</title></bibl> Vernünften. <bibl><author>Weidner</author> <biblScope>184.</biblScope></bibl></p>
        </note>
        <p type="compositions">
          <p type="introduction">Zſſtzg. z. B.: Allēīn-: die einem Weſen allein eignende, gleichſam als Monopol zukommende Vernunft. Jahn M. 111. —</p>
          <entry type="sub"><comp>Gêgen-:</comp> eine Vernunft, die einer andern widerſtreitet: Wie Nichts ſo ſpitzig mit Vernunft mag vorgebracht, das nicht mit G. möge widerlegt werden. Luther 1, 391b ꝛc. —</entry>
          <entry type="sub"><comp>Hálb-:</comp> eine Vernunft, die es nicht voll und ganz iſt: Gewebe von Halbgerechtigkeit, Halbfreiheit, H. Seume. —</entry>
          <entry type="sub"><comp>Schēīn-:</comp> die nur dem Schein nach, nicht in der That Vernunft iſt. —</entry>
          <entry type="sub"><comp>ūber-:</comp> (iron.) eine das Maß überſteigende u. ſomit in ihr Gegentheil umſchlagende Vernunft. L. 13, 607. —</entry>
          <entry type="sub"><comp>Un-:</comp> der Mangel der Vernunft (vgl. Vernunftloſigkeit), nam. bei Weſen, von denen man Vernunft beanſpruchen darf, ein unvernünftiges Thun, ſolche Handlung. Sir. 21, 26; Aus U. Arnim 56; Darum trifft denn auch die Rache des beleidigten Genius der Schöpfung ſchwerer die U. als den Mangel an Vernunft. Linck Schl. 1; Eine Religion nicht der U., ſondern der Vernunft. Stahr Par. 2, 209. Auch: Hans (ſ. d.) U. mit dem Kopf hindurch. Luther SW. 64, 218, vergl. ungw. als Ew.: Der heißt wohl un-v. [unvernünftig] und grob. Brant N. 59, 32 ꝛc. —</entry>
          <entry type="sub"><comp>ǖr-:</comp> die von Urbeginn an waltende (göttliche) Vernunft: Ich glaub’ an die Herniederkunft | der menſchgewordnen U. Schwab 117.</entry>
        </p>
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